Auf das „Wie“ kommt es an: Tanz mit Schülerinnen und Schülern des Förderzentrums Neukölln

von Livia Patrizi

Seit 2005 unterrichten Tänzer, Choreografen und Tanzpädagogen des TanzZeit-Projekts an Berliner Schulen und bringen Kindern die Kunstform Tanz näher. Einmal in der Woche gehen die Künstler in den Vormittagsunterricht und entwickeln mit den Kindern eigene Stücke, die am Ende des Schulhalbjahres öffentlich aufgeführt werden. Der Hauptschwerpunkt des Projektes liegt auf der Vermittlung von Tanz als Bühnenkunstform.

ZAHLEN UND FAKTEN ZU TANZZEIT:
Der Projektstand (August 2005 bis Dezember 2007):
· 65 Berliner Schulen
· 214 Schulklassen
· 63 Künstler im Unterricht
· 5350 Kinder aus allen Schichten tanzten bei TanzZeit

Die Nachfrage ist steigend.

Bildungsfähigkeit durch kulturelle Bildung berührt auch den Bereich der Integrationspolitik, indem Tanz Verständnis für und Austausch von Kultur fördert und einen Ausgleich sozialer Herkunft und Unterschiede schafft. Aber wie funktioniert es wirklich, in der Praxis solche Ziele zu erreichen?

Ich habe mich heute entschieden, einen Einblick in unsere alltägliche Arbeit zu geben und zu zeigen, womit wir Tänzer und Choreografen eigentlich konfrontiert werden, wenn wir in eine Schulklasse gehen. Der Bericht, der jetzt folgt, dokumentiert die ersten fünf Begegnungen mit einer Schulklasse aus einer so genannten Sonderschule aus Berlin-Neukölln.

Ein Förderzentrum (Sonderschule) in Neukölln, Mehrzweckraum, Donnerstag 7.45 Uhr

Stichwort 1: Vorbilder. Das hilft immer.
Letzter Blick ins Heft, Auspacken der CD, erste Zweifel des Tages: lieber doch die andere Musik? Mein Kollege Florian kommt um 5 vor 8, etwas gehetzt. Keine Panik, es ist noch niemand da - noch niemand da? Wo bleiben sie denn? 8 Uhr. Etwas weiter weg sind unverkennbar Stimmen zu hören. Sie kommen… ein paar Sekunden später sind sie da: Sie stürmen herein wie viele vor und viele nach ihnen. Viele Fragen durcheinander, einige bleiben eng um uns herum stehen, andere gehen weiter weg in die Ecken des Raumes. Ich bemerke die sehr ausgeprägten körperlichen Unterschiede. Es ist eine 7. Klasse, einige Kinder sehen noch sehr jung aus, andere sind schon fast erwachsen. Wir stellen uns vor, erzählen von unserem Beruf, von den vielen Ländern, in denen wir gearbeitet haben. Eine zierliche und hübsche blonde Schülerin fragt, ob ich auch schon mal in Polen gewesen bin… Sie selber komme aus Wroczlaw. „Wroczlaw!“, schreie ich fast, dort hatte ich die erste Vorstellung meines Lebens! Mit einer richtigen professionellen Tanzkompanie, nämlich mit dem Wuppertaler Tanztheater von Pina Bausch. Ich erinnere mich genau, wie ich vor der Vorstellung zitterte. Wie ein Huhn kurz vor der Schlachtung. Direkt danach, um Mitternacht, wurde ich 21 Jahre alt und alle aus der Gruppe kamen zu mir mit tausend Rosen. Nie werde ich Wroczlaw vergessen… Während ich erzähle, hören alle sehr aufmerksam zu. Florian und ich tauschen Blicke aus wie zwei Komplizen.

Stichwort 2: Die Balance finden zwischen fördern und nachgeben. (Schuhe aus, aber Socken noch an!)
Danach sind sie dran, alle, samt Klassenlehrerin, müssen etwas über sich erzählen: Name, Herkunft, Vorerfahrungen mit Tanz, Lieblingsbeschäftigung, Erwartungen und Wünsche in Bezug auf die kommende gemeinsame Zeit. Dann bitten wir unsere Schüler, die Schuhe zum Proben auszuziehen. Sofort lauter Protest und tausend verschiedene Begründungen, warum das völlig unmöglich ist. Ein Schüler will mir erzählen, dass der Koran es verbietet. Ich sage, dass auch ich schon tausendmal die Schuhe ausziehen musste, um z.B. in der Türkei die Moscheen besuchen zu können. Es geht noch eine ganze Weile so weiter. Am Ende bleiben zwei Jungs auf der Bank sitzen. Nein, sie werden die Schuhe nicht ausziehen! Die Klassenlehrerin greift ein, und wir erklären noch einmal, warum man nicht mit Schuhen solch eine Tanzform tanzen kann. Am Ende kommen die beiden doch noch zu uns, bockig und schimpfend, aber sie kommen. Ohne Schuhe. Blicktausch mit Florian. Der erste Kampf ist gewonnen, und dies ist einer der schwierigsten. Wenn man es nicht gleich am ersten Tag durchsetzt, schafft man es nicht mehr. Auf der anderen Seite ist es auch sehr riskant, die erste Begegnung schon mit solch einem Kampf zu beginnen.

Stichwort 3: Individuelle Aufmerksamkeit.
Während Florian das Warm up macht, bemerke ich ein Mädchen und einen Jungen. Das Mädchen schafft etwas ganz Besonderes, sie bewegt sich ohne sich zu bewegen, sie macht zwar die Bewegungsformen nach, aber mit so wenig Energie, dass es wie Stille aussieht. Ihre Augen wandern ständig, sie ist nicht mit uns, sie ist woanders. Der Junge ist fast zwei Meter groß und bei seiner Körpergröße stark übergewichtig. Offener, kindischer Blick. Der „Riese“ und die Abwesende.

Stichwort 4: Anerkennung.
Für die nächste Übung brauche ich einen Partner; ich zeige absichtlich auf den Riesen. Er ist sofort dabei, es hat funktioniert.

Stichwort 5: Vertrauen gewinnen.
Ab diesem Moment bleibt er dabei und ist konzentrierter und präsenter als alle anderen. Mitten in der ersten Stunde werfen Florian und ich unseren durch und durch vorbereiteten Unterricht spontan über den Haufen. Wenn wir das jetzt nicht täten, das spüren wir genau, würden wir sie sofort verlieren.

Stichwort n. 6: flexible Unterrichtgestaltung.
In der ersten Phase ist Vertrauen das Wichtigste - koste es, was es wolle! Alles andere, unsere fachlichen und inhaltlichen Ziele, sind erst mal egal. Wir gewinnen sie wiedergerettet!

Stichwort 7, 8, 9: Kreativität, Selbstvertrauen und Mut.
Bei unserem nächsten Treffen sind alle so konzentriert dabei, dass sich uns die Frage stellt, was diese Kinder eigentlich in einer Sonderschule zu suchen haben. In diesem Unterricht schafft es die Abwesende, mir 5 Sekunden am Stück in die Augen zu schauen. Bei unserem dritten Treffen sagt ein kleiner Junge, dass es viel zu früh sei, nach 90 Minuten schon wieder aufzuhören. In der darauf folgenden Woche ist der Riese nicht da. Unterrichtsverbot wegen eines schwerwiegenden Gewaltvorfalls. Die Schüler arbeiten heute zum ersten Mal eigenständig in Paaren, sie müssen eine Tanzphrase räumlich und zeitlich umgestalten und den Schluss selbst erfinden. Dann zeigen sie ihre Duette zum ersten Mal vor der ganzen Klasse. Scham, Zittern, Angst - aber sie tun es.

Stichwort: 10 Leidenschaft.
In der 5. Unterrichtseinheit sind wir in der Turnhalle. Der Riese ist wieder da, aufmerksam und präsent wie vorher. Nach jeder 4. oder 5. Unterrichtseinheit haben wir einen „Special Day“: Wir bauen die einzelnen Sequenzen zusammen und zeigen uns gegenseitig alles, was wir bis dahin erarbeitet haben. Im Raum herrscht allgemeines Lampenfieber - obwohl gar keine Zuschauer da sind. Aber es ist ein besonderer Tag, nur für uns. Wir (die Choreographen und die Klassenlehrerin) sind auch im Lampenfieber, es geht los. Aufgeregte, stolze und aufmerksame Augen. Sogar die Abwesende, meinen wir, streckt ihre Arme mindestens einen Zentimeter mehr …

Wer hat gesagt, dass Lernen auch etwas mit Leidenschaft zu tun hat? Es tut mir Leid, ich glaube es waren zu viele, als dass ich mich an alle erinnern könnte…“

Livia Patrizi ist Initiatorin und Projektleiterin von „TanzZeit- Zeit für Tanz in Schulen“, anlässlich der Arbeitstagung „Kulturelle Bildung“ am 21.11.2007 im Jüdischen Museum in Berlin. Zur Tagung eingeladen hatte Staatsminister Bernd Neumann.

Über TanzZeit - Zeit für Tanz in Schulen
Das Projekt TanzZeit bringt zeitgenössischen Tanz in die Berliner Schulen und erreicht damit Kinder aller Schichten und Kulturen. Das Projekt wurde 2005 von der Tänzerin und Choreografin Livia Patrizi ins Leben gerufen, die als Tänzerin unter anderem schon mit dem Cullberg Ballett (Mats Ek) und Pina Bausch gearbeitet hat. Schirmherrin von TanzZeit ist die bekannte Choreografin Sasha Waltz. Royston Maldoom, Choreograf des Films „Rhythm is it“, ist dem Projekt als Mentor verbunden. TanzZeit ist ein Projekt des Dachverbands Zeitgenössischer Tanz Berlin e. V. (www.tanzzeit-schule.de)



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